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Interview mit Slavoj Žižek

Welche Folgen wird der Zuzug von Flüchtlingen für Europa haben?

Die unmittelbare Hilfe den Menschen in Not ist moralisch absolut notwendig. Der unkoordinierte Zuzug aber bedroht das Wesen Europas – und zwar nicht nur deswegen, weil die Menschen aus anderen Kulturkreisen kommen, sondern weil uns Europäern droht, dass wir das aufgeben, was Europa als Bestes und Wertvollste hat.

Und das wäre?

Der Universalismus, die Menschenrechte, die Solidarität, die Aufklärung. Das macht das Wesen Europas aus. Diese Werte sind jetzt von zwei Seiten bedroht. Sie werden bedroht von den rechtspopulistischen Gegnern der Zuwanderung, die die Heimat am liebsten mit Barrieren zusperren möchten und die wegen der Unsicherheit vieler Menschen einen neuen Aufschwung erhalten. Gleichzeitig aber bedrohen Europa auch die sentimentalen Linken, die heuchlerisch für offene Grenzen eintreten.

Was meinen sie damit?

Diese linken Liberale wissen gut, dass ihre Forderungen nicht erfüllbar sind, dass alle Grenzen nie offen sein werden, deshalb fordern sie dies umso selbstbewusster. Sie genießen masochistisch diese Impotenz und fühlen sich gleichzeitig moralisch mehrwertig. Darüber hinaus fühlen sich die antieurozentristischen Linken nicht berechtigt, von den einwandernden Muslimen zu fordern, dass sie die europäischen Werte akzeptieren müssen. Aber das müssen wir tun.

Menschenrechte und Solidarität – Ihre Vorstellung von Europa ist sehr schmeichelhaft. Aber beruht der europäische Wohlstand nicht auf der Ausbeutung ärmerer Länder?

Wir sind mitverantwortlich für neue Formen der Knechtschaft, die so viele Menschen zur Flucht zwingt. Denken sie nur an die Fabriken, wo unsere Kleider genäht werden. Aber das dürfen wir nicht sentimental sehen. Lediglich Empathie für die Unterdrückten wird uns nicht helfen. Der Kapitalismus ist in seinem Wesen global, das ist nicht mehr nur eine europäische Eigenschaft. Wir Europäer können stolz sein auf die Menschenrechte und den Universalismus – obwohl ihr historischer Hintergrund die Industrialisierung und der Kapitalismus sind, aus dem sie hervorgekommen sind. Auf diese Werte müssen wir uns berufen, wenn Leute aus anderen Kulturkreisen zu uns kommen. Schlussendlich kommen sie auch deswegen, weil sie diese Werte für sich und ihre Kinder wünschen.

Diese Werte müsste die neue führende Kultur verteidigen?

So ist es. Wegen des sich immer mehr verbreitenden Rechtspopulismus ist die blinde Toleranz der Linken eine falsche Strategie. Intolerante Menschen, wie es die muslemischen Fundamentalisten sind, können wir nicht mit Toleranz empfangen. Es ist einfach zu sagen, so ist eben ihre Kultur und als solche müssen wir sie akzeptieren. Was aber werden wir tun, wenn die Eltern die Tochter zwingen werden, dass sie ein Kopftuch tragen muss, obwohl sie es nicht möchte? Ich sage es so:   wenn das in Europa passiert, müssen wir uns für die Freiheit dieses Mädchens einsetzen und unsere Regeln durchsetzen. Die Muslime können nicht zu uns kommen und nur das übernehmen, was ihnen in Europa angenehm erscheint.

Das Interview erschien in einer Zeitung